Geraubte Mitte.
Die "Arisierung" des jüdischen Grundeigentums im Berliner Stadtkern 1933-1945

NS-Gesetzgebung

Die NS-Regierung schuf schrittweise ab 1933 gesetzlichen Regelungen, die die Ausgrenzung und Vertreibung der Juden zum Ziel hatten. Jüdischen Emigranten wurde erschwert, Vermögenswerte ins Ausland zu transferieren. Seit der Verschärfung der Devisengesetzgebung im Jahr 1934 wurde die bereits Ende 1931 eingeführte Reichsfluchtsteuer von 25 Prozent des Gesamtvermögens schon ab einem Vermögen von 50.000 RM fällig. Ab 1936 konnte bei geringstem Anschein einer geplanten Emigration eine Grundbuch-Eintragung von Sicherungshypotheken bis zu einer Höhe von 250.000 RM verlangt werden. Auch konnten Emigranten als Staatsfeinde ausgebürgert werden und dadurch ihr gesamtes Vermögen verlieren. Diese Repressionen boten einen Hebel, zumindest an die Grundstücke jüdischer Eigentümer im Stadtkern billig heranzukommen, als die Neugestaltung der Reichshauptstadt stockte.

In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre nahm die Verfolgung der Juden weiter zu und damit auch die Drangsalierung der jüdischen Grundeigentümer. Mit der Schaffung des Amtes des Generalbauinspektors 1937 erreichten die Eingriffe in die Eigentumsverhältnisse des Stadtkerns eine neue Dimension. Anders als zuvor der Stadtverwaltung wurden Speer weitgehende Befugnisse eingeräumt und umfassende finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt. Im Oktober 1937 wurde das Gesetz über die Neugestaltung  deutscher Städte erlassen, eine Art Ermächtigungsgesetz für die Stadtplanung.

Im Herbst 1938 stand fest, dass die ohnehin angespannte Wohnungssituation durch die gewaltigen Umbauplanungen und die damit verbundenen Abrisse noch verschärft werden würde. Deswegen schlug Speer in einer Sitzung am 14. September 1938 vor, etwa 50.000 Wohnungen der nach den Nürnberger Gesetzen als Juden geltenden Berliner für die Umgestaltung Berlins zu konfiszieren, darunter zirka 25.000 Großwohnungen.
Seit April 1938 musste sämtliches jüdisches Vermögen angemeldet werden. So bekam der Staat eine Übersicht über alle Liegenschaften in jüdischem Besitz. Den jüdischen Eigentümern wurden ab 1938 die Betätigung als Makler und Hausverwalter verboten und übliche Steuervergünstigungen versagt, wodurch die Bewirtschaftung des Grundeigentums massiv erschwert wurde.

Nach dem Pogrom vom 9. bis 12. November 1938 setzte eine Emigrationswelle ein. In dieser Notsituation nahm der Verkauf von Grundstücken sprunghaft zu. Die Verordnung über die Sühneleistung der Juden, mit der eine Milliarde Reichsmark von den Juden eingefordert wurde, und die Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens markierten eine neue Eskalationsstufe der Verfolgung. Nun wurde staatlicherseits unverhohlen von der „Entjudung des Berliner Grundbesitzes“ gesprochen.
Ab 1939 wurden jüdische Mieter in Listen erfasst, bei Interesse eines arischen Nachmieters aus ihren Wohnungen geholt und in Judenhäusern untergebracht. Ab 1941 wurden die jüdischen Wohnungsinhaber direkt aus ihren Wohnungen in Konzentrationslager deportiert.

Zu den zahllosen Verboten, mit denen Juden ab 1939 konfrontiert wurden, zählte auch dasjenige, mit Nicht-Juden in einem Haus zu wohnen. Dadurch waren Juden gezwungen, in Judenhäuser zu ziehen. Diese Konzentration sollte ab 1941 die Deportationen erleichtern. Durch die 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom November 1941 vereinfachte sich für die NS-Bürokratie die Arisierung des Grundeigentums noch weiter: Das Überschreiten der Reichsgrenzen ließ das gesamte Vermögen eines jüdischen Bürgers an das Reich fallen. Zynischerweise galt das auch für die Vernichtungslager diesseits der neuen Reichsgrenzen. Jetzt wurde, wie eine Zeitung titelte, „Die Judenfrage [...] endgültig gelöst!“

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