Geraubte Mitte.
Die "Arisierung" des jüdischen Grundeigentums im Berliner Stadtkern 1933-1945

Chronologie

Bereits 1933 wurde in Berlin die Gleichschaltung der Stadtverwaltung vollzogen. Mitte März wurde dem Oberbürgermeister Heinrich Sahm der Staatskommissar Julius Lippert, der spätere Stadtpräsident, vorgesetzt. Gleichzeitig musste der sozialdemokratische Stadtbaurat Martin Wagner einem kommissarischen Stadtbaurat weichen.
Bereits vorliegende Umbaupläne für den Stadtkern aus der Zeit der Weimarer Republik wurden in monumentalerer Form weiterentwickelt. Stadtplaner wie Felix Unglaube und Architekten wie Richard Ermisch stehen dabei stellvertretend für die personelle Kontinuität in der Verwaltung über das Jahr 1933 hinaus.
Die Arisierungen erfolgten im zeitlichen Ablauf auf verschiedene Weise. Anfangs handelte es sich in der Regel um Not- oder Zwangsverkäufe, später um Zwangsversteigerungen und schließlich um Beschlagnahmungen. Zu Beginn waren die Finanzämter die maßgeblichen Behörden, die bei einer Emigration tätig wurden, horrende Steuern forderten und eintrieben und in vielen Fällen Vermögensbeschlagnahmungen durchführten.

Ab 1938 wurden alle Grundeigentümer gezwungen, ihre Grundstücke, so sie im Einzugsbereich der Planungen des Generalbauinspektors lagen, zu verkaufen.
Zum Jahreswechsel 1938/39 verschärfte sich die Not der verfolgten jüdischen Grundeigentümer dramatisch. Sämtliche Grundstücksangelegenheiten – Verkäufe wie Beleihungen – waren jetzt genehmigungspflichtig. Zusätzlich zu den ohnehin schon überhöhten Abgaben aus der Reichsfluchtsteuer und der Judenvermögensabgabe wurde ab 1940 eine Abgabe an die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland fällig, die deren Finanzierung diente.
Zwischen Kriegsbeginn im September 1939 und dem Jahr 1941 gelang weiteren 15.000 Berliner Juden die Flucht. Etwa 65.000 Juden lebten noch in der Stadt. Diese wurden vom Herbst 1941 an gezwungen, in der Öffentlichkeit stets sichtbar den Judenstern zu tragen. Im Oktober 1941 begannen die Deportationen aus Berlin in die Vernichtungslager. In diesem Zusammenhang sollte auch die Entjudung des Grundbesitzes endgültig gelöst werden.

Viele nichtjüdische Eigentümer in den Planungs-„Bereichen“ behielten ihre Grundstücke vorerst. Enteignungen fanden in der Berliner Mitte nur im Bereich des Neubaus der Industrie- und Handelskammer statt.
Ab 1941 bzw. 1943 wurden die Bestimmungen der 11. und 13. Verordnungen zum Reichsbürgergesetz angewandt, und in diesen Fällen fielen die Vermögen und Grundstücke der deportierten oder emigrierten Juden ohne Entschädigung und ohne weiteren Verwaltungsakt an das Deutsche Reich.
1945 lebten von ehemals 160.000 nur noch 6.000 Juden in Berlin.
Ab Juli 1945 wurden in den westlichen Sektoren und im sowjetischen Sektor Vermögenswerte des Deutschen Reichs, der Länder, Gemeinden und der NSDAP beschlagnahmt. Das vor 1945 unter Zwang oder Drohung übertragene oder entzogene Privateigentum unterlag ebenfalls der Beschlagnahmung.
Ab 1949, nach der Spaltung Deutschlands und der Gründung zweier deutscher Staaten, setzten auf beiden Seiten unterschiedliche Entwicklungen in Bezug auf die Wiedergutmachung ein.

Mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der DDR und den USA 1974 wurden Verhandlungen über Entschädigungsfragen aufgenommen, die jedoch bis 1989 zu keinem Ergebnis kamen. Die DDR begründete ihre Abweisung der Verfolgten und Beraubten mit der Zukunftsperspektive eines sozialistischen Gemeineigentums, auf die die zwischen 1933 und 1945 erlittenen Vermögensverluste angeblich nur einen Vorgriff dargestellt hätten.
Nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 wurden mit dem Gesetz zur Regelung offener Vermögensfragen (Vermögensgesetz) erstmals die Voraussetzungen für die Restitution von Grundstücken geschaffen, die sich im Stadtkern Berlins befanden. Die Entschädigungsfrage wurde 1994 in unzureichender Art und Weise geregelt.
Im Berliner Stadtkern sind nach 1990 nur drei unbebaute Grundstücke rückübertragen worden: Königstraße 33, Rolandufer 6 und Werderstraße 5. Außerdem wurden zwölf bebaute Grundstücke rückübertragen: Burgstraße 8, Hausvogteiplatz 1, Klosterstraße 64, Märkisches Ufer 20, Neue Friedrichstraße 106/107, Poststraße 4/5 und 12, Stralauer Straße 42/43, Waisenstraße 2 sowie Wallstraße 16. Damit wurden insgesamt acht Prozent der arisierten Grundstücke rückübertragen, 92 Prozent blieben verstaatlicht.

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